Hans-Jürgen Krahl
Thesen zum allgemeinen Verhältnis von wissenschaftlicher Intelligenz und proletarischem Klassenbewußtsein

Die revolutionäre Bewegung in Westdeutschland steht aufgrund der politischen Verlaufsform ihrer antiautoritären Aktionsgeschichte und ihrer theoretischen Zurechnung zur kritischen Tradition des wissenschaftlichen Sozialismus vor dem revolutionstheoretisch und strategisch entscheidenden Problem:

1. Wie sind die - der Unterdrückungssituation in der spätkapitalistischen Industriemetropolen angemessenen und im Medium des antiautoritären Bewußtseins begründeten - historisch neuen Vernunftsprinzipien der Emanzipation zur überlieferten Substanz der geschichtlichen Klassenkämpfe zu vermitteln, ohne einem undurchschaubaren Traditionalismus revolutionärer Situationen zu verfallen, die sich unausgesprochen und ausschließlich an materieller Verelendung, physischer Unterdrückung und erfolgreicher Oktoberrevolution orientiert?
2.
Wie ist der Begriff des Klassenbewußtseins als eine nicht empirische, gleichwohl daseiende Kategorie der gesellschaftlichen Totalität von ausbeuterischer Produktion zu rekonstruieren, ohne die Bedürfnisse der ausgebeuteten Massen zu verfehlen; also das Problem der historischen Genesis des Klassenbewußtseins zu begreifen und nicht dessen Konstitution als immer schon vollzogen und in der Partei materialisiert metaphysisch vorauszusetzen oder es auf ein empirisch-psychologisches Bewußtsein zu verkürzen?
3.
Wie sind die kleinbürgerlichen Verfallsformen des antiautoritären Emanzipationsbewußtseins wissenschaftlicher Intelligenz, der Zerfall der ideologiekritischen Einsicht in den Zwangszusammenhang abstrakter Arbeit im ganzen und die Zerfaserung politischer Praxis revolutionstheoretisch zu beurteilen, ohne die historisch neue Qualität der Wissenschaft als Produktivkraft zu ignorieren und unbefragt die in der Arbeiterbewegung tradierten Interpretationen der Rolle der Intelligenz im Klassenkampf zu übernehmen?

Die Beantwortung dieser drei Fragen wird die Wahl richtiger Strategien sozialrevolutionärer Prozesse in den Metropolen und die Konstruktion einer Theorie der Revolution entscheidend beeinflussen. Alle drei Fragen, die gegenwärtig in der sozialistischen Bewegung mehr oder weniger theoretisch unter dem Thema „Wissenschaftliche Intelligenz und proletarischer Klassenkampf" stehen, werden mit traditionalistisch verkürzten Vorschlägen beantwortet, die weder die staatsinterventionistisch verfestigte zweite Natur der kapitalistischen Gesellschaftsformation noch die gewandelte Lage der arbeitenden Klasse in den Metropolen erfassen, also die Ebenen der entfremdeten Arbeit des verdinglichten Bewußtseins und verarmten Lebens verfehlen. Die Diskussion bewegt sie, z. T. in einer enthistorisierten Vorstellungswelt der Oktoberrevolution und Leninschen Kaderpartei, die mechanistische Organisationsmodelle nahelegt und eine sozialrevolutionäre Vermittlung von Studenten- und Arbeiterbewegung sabotiert. Rigide Vorstellungen von Kader, unbedingter Zentralisation und eiserner Disziplin, die anachronistische Leistungsstandards voraussetzen, den hochzivilisierten Entwicklungsstand der Produktivkräfte, des gesellschaftlichen Reichtums und der instrumentalisierten Kultur nicht einsehen, machen eine der Produktivität gesellschaftlicher Arbeit angemessene Entfaltung von Spontaneität rückgängig.

Mechanistische Vorschläge, die den Standpunkt des Proletariats zur Entität ontologisieren und den SDS zum Scharnier zwischen zwei einander äußerlich und tendenziell klassenfeindlichen Bewegungen, der Arbeiter- und der Studentenbewegung, verdinglichen, ebenso wie die Anschauungen der ML-Gruppen beruhen im Grunde auf einem Begriff des warenproduzierenden Kleinbürgertums, der der gesellschaftlichen Realität nicht mehr entspricht. Indem sie den „Grundwiderspruch von Kapital und Lohnarbeit" identitätsphilosophisch jeder geschichtlichen Veränderung entheben und die kapitalistische Gesellschaft zu einem scholastischen ordo von Grund-, Haupt- und Nebenwidersprüchen verdinglichen, beziehen sie sich weder auf die Gesellschaft als Totalität noch auf die Emanzipationsbedürfnisse der lohnabhängigen Massen. Daraus folgt, daß weder der Strukturwandel der an sich seienden Klassenlage durch die Expansion produktiver Arbeit im Monopolkapital, noch der der kategorialen Struktur des Klassenbewußtseins, ebenso wenig wie der der geistigen Arbeit berücksichtigt werden.

Darauf beziehen sich im folgenden drei Argumente, die, ohne unmittelbar konkrete Handlungsanweisungen zu liefern, die sozialrevolutionäre Strategienbildung für die Metropolen beeinflussen müßten.

I. Der Übergang vom Konkurrenz- zum Monopolkapitalismus führt, wie in der Kritik der politischen Ökonomie von Marx und Engels selbst angedeutet, zu einer Vergesellschaftung des kapitalistischen Privateigentums auf dem Boden der kapitalistischen Produktionsweise selber und zu einer Vergesellschaftung der produktiven Arbeit auf dem Boden der Lohnarbeit. Die von Marx und Engels angedeuteten möglichen geschichtlichen Endpunkte des Kapitalverhältnisses sind die aktiengesellschaftlichen Unternehmungsformen - gleichsam als gesellschaftlicher Urtypus des monopolen Privateigentums - und die technologische Umsetzung der Wissenschaften ins kapitalfixierte Maschinensystem (vgl. Kapital 3, Kap. 27, Rohentwurf S. 584 ff.).

Diese neue Vergesellschaftungsqualität des Kapitals ist einerseits der schon in der ersten Krise, die das Kapital geschichtlich ins Leben rief, der in der ursprünglichen Akkumulation begründete Widerspruch von Vergesellschaftung und Privateigentum, gesellschaftlicher Arbeit und Privatarbeit, wie er andererseits den Übergang zur möglichen freien Assoziation der unmittelbaren Produzenten der sozialistischen Produktionsform als objektiv möglich aufzeigt oder, wie Engels und im Anschluß an ihn Horkheimer expliziert haben, den Umschlag in den autoritären Staat, der faschistischen Verkehrung von Vergesellschaftung, naturwüchsig möglich macht.

Marx schreibt von Aktiengesellschaften: „Das Kapital, das an sich auf gesellschaftlicher Produktionsweise beruht und eine gesellschaftliche Konzentration von Produktionsmitteln und Arbeitskräften voraussetzt, erhält hier direkt die Form von Gesellschaftskapital (Kapital direkt assoziierter Individuen) im Gegensatz zum Privatkapital, und seine Unternehmungen treten auf als Gesellschaftsunternehmungen im Gegensatz zu Privatunternehmungen. Es ist die Aufhebung des Kapitals als Privateigentum innerhalb der Grenzen der kapitalistischen Produktionsweise selbst."(Kapital 3, S. 452) (1). Die schon aus dem Enteignungsprozeß der ursprünglichen Akkumulation begründete naturgesetzliche Tendenz von Konzentration und Zentralisation des Kapitals, die dessen geschichtlichen Widerspruch von gesellschaftlicher Arbeit und privater Aneignung entfaltet, tritt in ein neues Stadium. Mit dem Monopolkapital kommt der an sich gesellschaftliche Charakter der kapitalistischen Produktionsweise, der Widerspruch von Vergesellschaftung und Privateigentum zur offenen Erscheinung.

Diese neue Vergesellschaftungsqualität des Kapitals verändert den Klassenantagonismus insgesamt. Schon die aktiengesellschaftliche Unternehmungsform verwandelt den „wirklichen fungierenden Kapitalisten in einen bloßen Dirigenten, Verwalter fremden Kapitals und die Kapitaleigentümer in bloße Eigentümer, bloße Geldkapitalisten" (Kapital 3, S. 452). Dieser Prozeß, in dessen Verlauf die außerökonomische Zwangsgewalt des Staates wieder direkte ökonomische Potenz gewinnt und der Staatsinterventionismus zur Dauernotwendigkeit wird, zerstört die Zirkulationssphäre als legitimationsideologisches Reich der bürgerlichen Sittlichkeit, als freie Konkurrenz von einander feindseligen Individuen und als gerechter Äquivalenttausch von einander gleichgültigen und gleichgeltenden Warenbesitzern. Das Klassenbewußtsein der Kapitalisten politisiert die instrumentelle Vernunft im Hinblick auf ihre autoritär technokratischen Konsequenzen. Herrschaft wird legitimationsunfähig.

Die neue Vergesellschaftungsqualität des Kapitals erweitert notwendig den Begriff der produktiven Arbeit und bringt ihn als die arbeitsteilige Totalität zur Erscheinung, die er im unentfalteten Prinzip schon immer war: „Wie im Natursystem Kopf und Hand zusammengehören, vereint der Arbeitsprozeß Kopfarbeit und Handarbeit. Später scheiden sie sich bis zum feindlichen Gegensatz. Das Produkt verwandelt sich überhaupt aus dem unmittelbaren Produkt des individuellen Produzenten in ein gesellschaftliches, in das gemeinsame Produkt eines Gesamtarbeiters, d. h. eines kombinierten Arbeitspersonals, dessen Glieder der Handhabung des Arbeitsgegenstandes näher oder ferner stehen. Mit dem kooperativen Charakter des Arbeitsprozesses selbst erweitert sich daher notwendig der Begriff der produktiven Arbeit und ihres Trägers, des produktiven Arbeiters. Um produktiv zu arbeiten, ist es nun nicht mehr nötig, selbst Hand anzulegen. Es genügt, Organ des Gesamtarbeiters zu sein, irgendeine seiner Unterfunktionen zu vollziehen." (Kapital 1, S. 537)

Die technologische Umsetzung der Wissenschaft ins kapitalfixierte Maschinensystem - systematisch seit Ende des 19. Jahrhunderts betrieben - und die Tendenz zur Automation haben das verändert, was Marx als die reelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital bezeichnet hat. Diese unterscheidet sich von der bloß formellen dadurch, daß sie auch die technologische Struktur des unmittelbaren Arbeitsprozesses durch die systematische Anwendung der gesellschaftlichen Produktivkräfte der Arbeit, Arbeitsteilung und Wissenschaft qualitativ verändert. Der Arbeitsprozeß als Stoffwechsel zwischen den Menschen und der Natur wird gleichsam in sich selbst vergesellschaftet. Eine der hervorstechendsten Eigenschaften der reellen Subsumtion der Arbeit unter das Kapital ist die bewußte „Anwendung der Wissenschaft, dieses allgemeinen Produkts der gesellschaflichen Entwicklung auf den unmittelbaren Produktionprozeß." (Marx, Resultate, 50, Frankfurt 1969)

Soziale Kombination totalisiert mit der Verwissenschaftlichung der Produktion diese immer mehr zum Gesamtarbeiter, indem, wie Marx in den Grundrissen ausführt, das einzelne Arbeitsvermögen immer mehr momentanisiert wird und der Wertmaßstab der Arbeitszeit in immer extremeren Widerspruch zur Realität des capital fixe und des wirklichen Produktionsprozesses tritt. Technik und Wissenschaft haben ein produktiv umgesetztes Entfaltungsstadium von systemsprengendem Ausmaß erreicht. Die neue Vergesellschaftungsqualität der produktiven Arbeit durch die technologische Verwissenschaftlichung der Produktion vermag ihre zwangsweise kapitalistische Vergegenständlichung nicht mehr zu tolerieren. Das Verhältnis von Monopolkapital und Automation macht die auch klassentheoretisch folgenreiche Veränderung der reellen Subsumtion der Arbeit unter das Kapital aus. „Da mit der Entwicklung der reellen Subsumtion der Arbeit unter das Kapital oder der spezifisch kapitalistischen Produktionsweise nicht der einzelne Arbeiter, sondern mehr und mehr ein sozial kombiniertes Arbeitsvermögen der wirkliche Funktionär des Gesamtarbeitsprozesses wird, und die verschiedenen Arbeitsvermögen, die konkurrieren, und die gesamte produktive Maschine bilden, in sehr verschiedener Weise an dem unmittelbaren Prozeß der Waren - oder besser hier Produktbildung - teilnehmen, der eine mehr mit der Hand, der andere mehr mit dem Kopf arbeitet, der eine als Manager, Engineer, Technolog etc.., der andere als overlooker, der dritte als direkter Handarbeiter oder gar bloß als Handlanger, so werden mehr und mehr Funktionen von Arbeitsvermögen unter dem unmittelbaren Begriff der produktiven Arbeit und ihre Träger unter dem Begriff der produktiven Arbeiter, direkt vom Kapital ausgebeuteter und seinem Verwertungs- und Produktionsprozeß überhaupt untergeordneter Arbeiter einrangiert" (Marx, Resultate, S. 66) (2)

Wenn die Wissenschaften nach Maßgabe ihrer technischen Umsetzbarkeit und ihre Träger, die geistigen Arbeiter, in den produktiven Gesamtarbeiter integriert sind, dann ist nicht anzunehmen, daß sozialrevolutionäre Strategien sich in der klassischen Weise nahezu ausschließlich aufs Industrieproletariat beziehen können. Nicht ist die Frage zu stellen, ob wissenschaftliche Intelligenz im traditionellen Sinn industrieproletarisches Klassenbewußtsein entwickeln kann, sondern wie umgekehrt der Begriff der unmittelbaren Produzenten und damit der arbeitenden Klasse sich insgesamt verändert hat.

Mit der fortschreitenden Vergesellschaftung des Kapitals und der produktiven Arbeit und der technologischen Verwissenschaftlichung der Produktion wird auch das unmittelbare Industrieproletariat immer mehr zum Moment im Gesamtarbeitsprozeß. Es repräsentiert weniger denn je die Totalität produktiver Arbeit. Bei aller extremen Verschärfung des Widerspruchs von geistiger und körperlicher Arbeit ist die geistige Arbeit nicht mehr nur als idealistisch überhöhende Widerspiegelung abstrakter Arbeit und damit als Repräsentant der bürgerlichen Aneignung von Kultur und kleinbürgerlichen Organisationsformen des Wissenschaftsprozesses zu behandeln, sondern ein genuines Bildungsmoment, und zwar in organisierter und kollektiver Form, in der Konstitution proletarischen Klassenbewußtseins und der Organisation der politischen Klasse.

Bezüglich der Rolle der wissenschaftlichen Intelligenz im Klassenkampf ist klassischen Theorien individuellen Klassenverrats (zumeist mit Hinweis auf Lukacs' Bestimmung der Rolle des Intellektuellen im Klassenkampf) entgegenzusetzen, daß ohne die organisierte produktive wissenschaftliche Intelligenz die Bildung eines auf die bürgerliche Gesellschaft insgesamt bezogenen Klassenbewußtseins auch im Industrieproletariat unmöglich ist.

II. Die mangelnde Reflexion auf die kategoriale Verfassung des Klassenbewußtseins als einer nicht empirischen Kategorie, wie sie von Lukacs spekulativ im Anschluß an Lenin ausgeführt wurde, hat in der sozialistischen Bewegung eine verschwiegene Reduktion des Klassenbewußtseins in einem den Metropolen unangemessenen leninistischen Sinn zur Folge. Die Stagnation der zunächst spontan auf psychoanalytischer Ebene gefaßten und individualistisch beschränkten Emanzipationsdebatte konnte sich dem Zugang und der strategisch praktischen Erkenntnisse der möglichen Bedürfnisstrukur der Massen entfremden. Das spekulative Totalitätsbewußtsein, das die antiautoritäre Bewegung in ihren ersten Anfängen auszeichnet, mag schlechte Momente geschichtsblinder Abstraktion enthalten haben. Die Unmittelbarkeitsideologie vieler praktisch arbeitender Gruppen hingegen ist ihrem Bewußtsein nach in einer unverbundenen Flucht der historischen Erscheinungsform angesiedelt und außerstande, die Vielheit der empirischen Praktiken zu klassenbewußter Einheit einer politischen Praxis zu denken. Die Reflexion auf die kategoriale Ebene des Klassenbewußtseins vermöchte sehr viel eher organisatorische Identitätskriterien zu vermitteln, als schlecht moralisierende Verbindlichkeitsdiskussionen, wie sie noch häufig geführt werden und die hilflos unverbindlich bleiben.

Die theoretischen Auffassungen der sozialistischen Bewegung sind z. T. mit Momenten des empirischen Historismus behaftet, den Lukacs der bürgerlichen Geschichtswissenschaft vorwirft. „Ihr Irrtum besteht darin, daß sie im empirischen, historischen Individuum (gleichviel ob es sich um einen Menschen, um eine Klasse oder um ein Volk handelt) und in seinem empirisch gegebenen (also psychologischen, oder massenpsychologischen) Bewußtsein jenes Konkrete zu finden meint. Wo sie jedoch das Allerkonkreteste gefunden zu haben glaubt, hat sie es gerade am weiteste, verfehlt, die Gesellschaft als konkrete Totalität ... ; indem sie daran vorbeigeht, faßt sie etwas völlig Abstraktes als etwas Konkretes auf. (Lukacs, Geschichte und Klassenbewußtsein, S. 61)

Doch schon Lukacs' Erkenntnis, daß sich erst durch die „Beziehung auf die Gesellschaft als auf ein Ganzes" die Kategorie der objektiven Möglichkeit und damit die logische Bildung von Klassenbewußtsein konstituiert, enthält Momente der idealisierenden Abstraktion; sowohl seine Behandlung der Organisationsfrage wie des Klassenbewußtseins unterstellen einen Totalitätsbegriff, der ins empirisch psychologische Bewußtsein der einzelnen Proletarier nicht hineinragt. Diese können nur post festum die Entscheidungen des totalitätsbezogenen Zentralkomitees nachvollziehen, ebenso wie der reale, durch Kampferfahrung, Theorienbildung, Agitation und Propaganda sich vollziehende Umsetzungsprozeß von Totalitätskategorien in die Köpfe der einzelnen Proletarier im Dunkeln bleibt. Das richtige Klassenbewußtsein existiert immer schon in Gestalt der apriori vorgegebenen richtigen Partei des Proletariats, dem leninistischen Parteitypus, der allen geschichtlichen Formbestimmungen transzendental enthoben wird. Die Kategorie der Totalität geht aber sowohl in ihrem Hegelschen wie in ihrem Marxschen Sinne auf ebenso empirische wie nichtempirische Momente, so wie die Ware nach Marx ein sinn-lich-übersinnliches Ding ist. Mit der Eliminierung der Empirie aus der Totalitätskategorie wird die Reflexion auf die historische Genesis des Klassenbewußtseins abgeschnitten. Lukacs' Empiriebegriff ist selbst schon szientistisch verkürzt.

Die Kategorie des Klassenbewußtseins aber konstituiert sich aus einem bestimmten Verhältnis von Theorie und Empirie, wie es gebunden ist an den materialistischen Produktionsbegriff von Arbeit und Arbeitsteilung. Der Begriff von Empirie, so wie ihn im Rahmen des historischen Materialismus Marx und Engels in der Deutschen Ideologie angedeutet haben, ist keineswegs identisch mit dem Empiriebegriff der positivistisch zerstreuten Einzelwissenschaften. Dieser ist quantitativ und formal nach Maßgabe konkreter (naturwissenschaftlicher Operabilität, jener ist qualitativ und material nach Maßgabe) Arbeit, d.h. der materialistische Empiriebegriff ist gebunden an Gebrauchswerte, Bedürfnisse und Interessen. Der Theorienbegriff der Kritik der politischen Ökonomie ist gebunden an abstrakte Arbeit, die Kategorien der Ware, des Mehrwerts und der Akkumulation. Aus der Kritik an diesen Kategorien erschließt sich die Gesellschaft als eine Herschaftstotalität von Verdinglichung, Ausbeutung und Krise. Wenn sich Klassenbewußtsein als parteiliches Totalitätsbewußtsein wirklich soll bilden können, muß sich das Moment der Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus, durch welche Umwandlungen und Vermittlungen auch immer, in das Bewußtsein der Masse, umsetzen und in ihre Erfahrung eingehen. Diese Momente der Umsetzung kann Lukacs aufgrund seiner idealisierenden Projektion des leninschen Parteitypus vom industriell zurückgebliebenen Rußland auf die hochindustrialisierten Länder Westeuropas nicht angeben. Es fehlt die historische Reflexion auf jene empirischen Momente der Gebrauchswerte, Bedürfnisse und Interessen, die im Doppelcharakter von Ware und Kapital die durch die Allgemeinheit abstrakter Arbeit unterdrückte und an ihrer freien Entfaltung gehinderte Individualität darstellen; denn die kapitalistische Produktionsweise ist welthistorisch die einzige, die unter permanenter Wertabstraktion von den besonderen Gebrauchswerten und Bedürfnissen jene produziert und diese befriedigt.

Lenins Begriff des Klassenbewußtseins beruht auf einer rigiden analytischen Trennung des politischen Totalitätsbewußtseins vom zwar diffus spontanen, aber notwendig ökonomistisch beschränkten Interessenbewußtseins, so daß dieses nur von außen politisierbar sei. Diese Vorstellung ist historisch berechtigt angesichts einer im Rußland des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts nur formell unter das Kapital subsumierten Arbeit, die ihren an sich, gesellschaftlichen Charakter noch nicht preisgeben kann, in dem der terroristische Prozeß der ursprünglichen Akkumulation noch nicht abgeschlossen, bürgerlicher Tauschverkehr unentwickelt und die spezifisch kapitalistische Produktionsweise nur in wenigen Industriezweigen voll ausgebildet ist. Unter diesen Bedingungen vermag das Interessenbewußtsein des Industrieproletariats sich nicht aus sich selbst heraus zu aufgeklärter Spontaneität zu entfalten.

Andererseits verstellt die wenig entwickelte kapitalistische Produktionsweise in Rußland dem revolutionären Theoretiker Lenin auch den Blick auf die metaökonomische Dimension des materialistischen Produktionsbegriffs und damit die Entfaltung des Verhältnisses von Produktion und Klassenkampf. Die terroristischen Industrialisierungszwänge nach der Oktoberrevolution und der Zwang zur Beschränkung des Sozialismus auf ein Land reduzieren die Emanzipation der gesellschaftlichen Verkehrsform auf die Revolution technisch industrieller Produktion, so daß der emanzipative Gehalt des materialistischen Produktionsbegriffs sich nicht mehr entfalten konnte. Produktion ist Marx und Engels zufolge das Prinzip von Geschichte, das naturgeschichtlich zur Entfaltung drängt, auf der Ebene des industriellen Kapitals sich endlich realisiert, aber in die Ebene einer zweiten Natur sich zurücknimmt. In der Deutschen Ideologie implizierte der Begriff von Produktion die Möglichkeit zur vernünftig spontanen Lebenstätigkeit, d. h. zur Naturbeherrschung und zur Emanzipation des Menschen auf dem Boden der Natur selber. Produktion, also Arbeit und Arbeitsteilung, ist insofern kulturkonstitutiv in einem gattungsgeschichtlichen Sinn, insofern Kultur den auf Arbeitsteilung und Triebverzicht beruhenden Fortschritt der Bedürfnisse über die natürliche Vernunft der physischen Selbsterhaltung hinaus bedeutet. Mit dem Übergang von der feudalen zur kapitalistischen Gesellschaft verändert sich das Verhältnis von kulturell und geschichtlich objektiv notwendiger und überflüssiger Unterdrückung, Realitäts- und Lustprinzip qualitativ. Das Reich der Freiheit jenseits der materiellen Produktion wird eine Möglichkeit des theoretischen Denkens und schließlich der gesellschaftlichen Praxis. (Auf diesen Grundannahmen beruhen ebenso die Klassenbewußtseinstheorie Reichs wie die Emanzipationskategorien Marcuses, nur daß jener empiristische Reduktionen vornimmt und dieser Ontologisierungen der Triebstruktur und ein klassenunspezifisches Herauslösen der Bedürfnisse aus der Dialektik von Gebrauchswert und Tauschwert nicht zuletzt aufgrund seiner Integrationsmaßnahmen hinsichtlich des Proletariats.)

Produktion als (in dem oben skizzierten Sinne materialistischer Empirie) auf den Fortschritt und die Befreiung der Bedürfnisse gerichtete und autonome Lebenstätigkeit ermöglichende steht in einem unauflöslichen Zusammenhang zur politischen Spontaneität. Durch die Projektion des leninschen Begriffs von Klassenbewußtsein und seiner Parteitheorie auf die Länder Westeuropas wurde dieser Zusammenhang destruiert. Es stellte sich das ein, was Reich, terminologisch (nicht) ganz korrekt als zweierlei Klassenbewußtsein bezeichnete. Dessen Dualismus besteht darin, daß der Partei die durch die Kritik an den Kategorien der politischen Ökonomie gewonnene Kenntnis der kapitalistischen Totalität vorbehalten bleibt, aber die Massen ein dazu unvermitteltes, empiristisches Interessenbewußtsein entwickeln, das auf Konsum- und Lustgewinn, Gebrauchswerte und Bedürfnisse gerichtet ist. Mit dem Absterben der Emanzipationsdebatte im SDS und der sektiererischen Übernahme zentralistischer und disziplinärer Organisationsmodelle ist der Zusammenhang von Produktion und Spontaneität ebenfalls verlorengegangen. Doch Totalität und Konsum, Theorie und Empirie im oben erwähnten Sinne, Gebrauchswert und Tauschwert stehen in einem unauflöslichen Zusammenhang der Kritik; Klassenbewußtsein ist immer ein ans Durchschauen der Wertabstraktion gebundenes, parteiliches Totalitätsbewußtsein und an die Befriedigung von Bedürfnissen geheftetes produktives Konsumtionsbewußtsein. Fallen beide Bildungsmomente des Klassenbewußtsein, das theoretische und das empirische, auseinander, so wird aus dem Totalitätsbewußtsein die Bestimmung proletarischer Parteilichkeit eliminiert und aus dem Konsumtionsbewußtsein das Bestimmungsmoment spontaner und emanzipativer Produktivität. Dann aber fallen Massen permanent in den Zustand eines bloß passivischen und rezeptiven Konsumverhaltens zurück, in die Entfremdung von ihren Produkten, dem gesellschaftlichen Reichtum aller Kulturen.

Auf die Strategiendiskussion scheint im Augenblick die mögliche emanzipative Bedürfnis- und Bewußtseinsstruktur der Massen nicht einzugehen. Sowohl ein regressives Moment verdinglichter Bedürfnisse wie eine neue Qualität in der Enthistorisierung des fetischisierten Bewußtseins fallen aus der Reflexion heraus. Der grundlegende Sachverhalt des technologisierten Monopolkapitals, daß der gesellschaftliche Reichtum und die Kultur, wie sie sich auf der Basis materieller Produktion herausgebildet haben, den Bannkreis materieller Bedürfnisbefriedigung längst derart transzendieren, dass der Verein freier Menschen eine objektive geschichtliche Möglichkeit ist, bleibt nach der Sistierung der Emanzipationsdebatte den strategischen Reflexionen im SDS äußerlich. Gerade hochzivilisierte Bedürfnisbefriedigung aber ist die geschichtliche Voraussetzung, den Massen wirklich emanzipative Vernunftinteressen zu vermitteln. „Mit Recht wird darauf hingewiesen," schreibt Merleau-Ponty, „daß es durchaus nicht das tiefste Elend ist, welches die bewußtesten Revolutionäre hervorbringt, doch versäumt man, auch die Frage zu stellen, warum häufig ein Aufschwung der Konjunktur die Radikalisierung der Massen nach sich zieht. Dies hat darin seinen Grund, daß die Abnahme des Drucks auf das Leben eine Umstrukturierung des sozialen Raumes ermöglicht: Die Horizonte sind nicht mehr eingeengt auf die unmittelbaren Bedürfnisse, es entsteht ein Spielraum, Raum für einen neuen Lebensentwurf. (Phänomenologie der Wahrnehmung, S. 506)

Gleichwohl ist das spätkapitalistische System auf seiner Basis hochzivilisierter Bedürfnisbefriedigung imstande, den von den unmittelbaren gesellschaftlichen Produzenten hergestellten Reichtum und Kultur technologisch und kulturindustriell so einzusetzen, daß die Bedürfnisse und das Bewußtsein der Massen in den Bannkreis materieller Existenzsicherung fixiert bleiben. Der entfremdete Zustand, daß die Menschen weiterhin, wie Marx sagt, leben, wo sie nicht arbeiten, und arbeiten, wo sie nicht leben, hat sich nur verschärft. Die Bedürfnisse allerdings, auf die sich der Versuch revolutionärer Aufklärung richten müßte, sind immaterieller geworden, in dem Maße, in dem das Reich der Freiheit möglicher geworden ist. „Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeiten bestimmt ist, aufhört. Es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion." (Marx) Agitatorische Einstellungen im SDS sind z. T. aber immer noch derart ausgerichtet, als ob der Stand der Produktivkräfte, des Reichtums und der Kultur noch Situationen materiellen Elends entspräche.

Zum anderen wird die neue Qualität von Geschichtslosigkeit im Bewußtsein der Massen nicht berücksichtigt, was zur Folge hat, daß die revolutionäre Aufklärung nicht mit dem entfremdeten Lebensschicksal der Arbeiter verbunden wird. In der Agitation setzt sich daher nicht nur die strategische Fehleinschätzung eines industrieproletarisch verengten Klassenbegriffs durch, sondern zugleich eine gerade-zu betriebstechnische Trennung von Arbeits- und Lebensschicksal der Massen, Arbeits- und Freizeit, Produzenten und Konsumenten.

Der Faschismus als hochzivilisierter Naturzustand auf der Basis eines entwickelten Tauschverkehrs hat das Bewußtsein der Massen derart enthistorisiert und Verdinglichung derart potenziert, daß, wie Adorno befürchtete, das Schreckbild einer Menschheit ohne Erinnerung droht. Sowohl unter den Bedingungen offenen faschistischen Terrors als auch unter den Zwängen technologisierter Organisations- und Verkehrsformen werden individuell lebensgeschichtliche Perspektiven eliminiert. Nicht nur das bürgerliche Individuum ist mit dem freien Markt zerfallen, auch die proletarische Individualität ist durch die faschistische Deformation der Organisationsformen der Arbeiterklasse zersetzt worden. Die Einheit der Person sollte Kant zufolge im Rahmen der transzendentalen Apperzeption in den Tiefen der menschlichen Seele begründet sein. Marx veränderte sie in den Produktionsverhältnissen. Die Ich-Identität des bürgerlichen Individuums basiert auf dem Privateigentum, sie realisierte sich im Tauschverkehr und fand ihre langfristige lebensgeschichtliche Perspektive im Streben nach Profit und in der Furcht vor dem Ruin. Proletarische Individualität basierte auf der besitzlosen Stellung im Produktionsprozeß und realisierte sich in der Organisation des Klassenkampfs. Die langfristige lebensgeschichtliche Perspektive des proletarischen Individuums war die von Ausbeutung und Elend oder revolutionärer Befreiung.

An die Stelle langfristiger lebensgeschichtlicher Erwartungen, Hoffnungen und Befürchtungen sind heute kurzfristige Reaktionen im Hinblick auf die Erwartung von Gratifikationen und Befürchtung vor Sanktionen getreten. Der Arbeitersohn, der heute eine Lehre beginnt, vermag sich in der Regel keinen lebensgeschichlichen Begriff von seinem biographischen Arbeitsschicksal zu machen. Das Prinzip Hoffnung wird aus dem Bewußtsein der Individuen eliminiert, oder, wie Marcuse versucht hat zu entfalten: selbst das unglückliche Bewußtsein soll absterben.

Eine Agitation des Proletariats, die nicht das geschichtslose Lebensschicksal der Massen thematisiert, kann den Zusammenhang von gesellschaftlicher Produktion und Spontaneität im Bewußtsein der Massen nicht rekonstruieren und emanzipative Bedürfnisse nach einem glücklichen Leben weder freilegen noch zu einem politischen Totalitätsbewußtsein vermitteln.

Die strategischen Reflexionen im SDS haben immer mehr die Ebene der regressiv, auf materielle Produktion fixierten Bedürfnisstruktur wie auch die neue Qualität in der Geschichtslosigkeit des verdinglichten Bewußtseins von individuellem Lebensschicksal verfehlt. Damit aber erfährt der Klassenbewußtseinsbegriff eine leninistische Reduktion, so daß die Produzenten sich nicht als Produzenten begreifen, und das Ergebnis einer nach Maßgabe dieser Reduktion betriebenen Propaganda kann nur die Restabilisierung der von Reich beschriebenen Trennung von unparteilichem Totalitätsbewußtsein und unproduktivem Konsumtionsbewußtsein sein.

III. Die objektive Integration relevanter Teile wissenschaftlicher Intelligenz in den produktiven Gesamtarbeiter macht diese noch nicht zu bewußten Proletariern. Nicht nur, daß überlagerte bürgerliche Sozialisationsprozesse und die trauernde Erinnerung an die verlorengegangenen liberalen Ideologien der autonomen und bedürfnislosen Rechtspersonen, des parlamentarischen Marktes und gerechten Tauschverkehrs ebenso konstitutiv für den antiautoritären Protest waren (gerade im Bereich der kultur- und sozialwissenschaftlichen Intelligenz), so blockierten sie doch auch den Zugang zum Bewußtsein des Industrieproletariats und anderer produktiven Schichten. Vor allen Dingen aber existiert innerhalb des Gesamtarbeiters die Trennung von geistiger und körperlicher Arbeit in unverminderter Schärfe fort. Doch den Theorienverlust und den Instrumentalisierungsprozeß, den die positivistisch zerstreuten Einzelwissenschaften durchlaufen, hat der geistigen Arbeit längst die Möglichkeit genommen, ein idealistisches Selbstbewußtsein und metaphysische Totalitätskategorien zu entwickeln. Im idealistischen Bewußtsein des deutschen Bildungsbürgertums, orientiert am Humboldtschen Universitätsideal, spiegelt sich die Wertsubstanz des Kapitals, die abstrakte Arbeit, insofern sie als produktiv nur die von aller Naturbasis gelöste geistige Arbeit anerkannte. Insofern stand Hegel nach Marx' Wort auf dem Standpunkt der bürgerlichen Ökonomie. In dieser philosophierenden Abstraktion war aber zugleich die Synthesis der vermittelnden Vernunft enthalten, welche die analytischen Trennungen der kapitalistischen Arbeitsteilung zumindest metaphysisch aufhob, die Aufhebung der Entfremdung auf dem Boden der Entfremdung selber. Die Kritik der politischen Ökonomie Marx' verendlichte die vermittelnde Vernunft durch die Bindung an den Produktionsprozeß und die endlichen Individuen. Der positivistische Zersetzungs(/streuungs)prozeß der Einzelwissenschaften löste alle Kategorien der Vermittlung, zumal den von Theorie und Praxis, analytisch auf. Der technologische Entwicklungsstand der produktiv umsetzbaren Wissenschaften projiziert seine methodologischen Verfahrensweisen um den Preis der Vernichtung von Reflexion zugunsten der Anpassung an abstrakte Arbeit auf sämtliche Wissenschaften. Technologisierung der Wissenschaft bedeutet: die qualitative Zeit bildungsgeschichtlicher Reflexionen (wie sie metaphysisch in Hegels Phänomenologie des Geistes als Bildungsweg des natürlichen Bewußtseins vom erscheinenden Wissen zur Wissenschaft des absoluten Wissens beschrieben wird), wird zugunsten der Anpassung geistiger Arbeit an die quantitativen und enthistorisierten Normen des Wertmaßstabes, der Arbeitszeit eliminiert. Damit kann geistige Arbeit reibungslos dem Verwertungsprozeß des Kapitals einverleibt werden. Diese Entwicklung, die auch die unproduktiven Herrschaftswissenschaften betrifft, ist einerseits eine zusätzliche Schranke für die produktive wissenschaftliche Intelligenz, ihren Produzentenstatus zu begreifen und totalitäre Vermittlungszusammenhänge zu durchschauen. D. h. geistige Arbeit ist nach Maßgabe ihrer industriellen Umsetzbarkeit immer mehr mit dem Unglück produktiver Arbeit behaftet und andererseits, ebenfalls nach Maßgabe der technischen Umsetzbarkeit, immer kapitaladäquater an die Wertnormen angepaßt. Auf der anderen Seite eröffnet die Vernichtung des traditionellen Kulturbewußtseins überhaupt erst die Möglichkeit politischer Produktionsprozesse, nämlich die Befreiung von idealistischen Eigentumsfiktionen, so daß auch die wissenschaftlichen Produzenten die Produkte ihrer Arbeit als gegenständliche und feindliche Macht des Kapitals begreifen und sich selbst als ausgebeutet wissen. Insofern das Gesamtatelier der Universität von den Widersprüchen des Technologisierungsprozesses erfaßt wird, wird es auch den Vertretern unproduktiver Wissenschaften erleichtert die Fixierung auf einen endgültig zerbrochenen Kulturbegriff aufzugeben; wenn die Widersprüche der produktiven Arbeit einmal in die Universität getragen sind, können auch mehr und mehr Ideologen der herrschenden Klasse im Sinne des Kommunistischen Manifests ihre intellektuelle Produktivkraft in den Dienst des Emanzipationskampfes stellen.

Geistige Arbeit ist mit dem Widerspruch behaftet, einerseits systematisch fortschreitend dem materiellen Produktionsprozeß des Kapitals einverleibt zu werden und als wirkliche Arbeit Momente der bestimmten Negation des Kapitalverhältnisses zu beinhalten, denn „das wirkliche Nicht-Kapital ist die Arbeit selbst" (Marx). Andererseits ist die abstraktiv von der körperlichen Arbeit getrennte geistige Arbeit angepaßter Ausdruck der Wertsubstanz abstrakter Arbeit, und dies um so mehr, als die zeitliche Verlaufsform von Bildungsprozessen unter enthistorisierte Arbeitszeitnormen gestellt wird.

Dieser Widerspruch, der die Stellung des produktiven Intellektuellen im Produktionsprozeß kennzeichnet, bestimmt auch sein verdinglichtes Bewußtsein. Die Trennung von geistiger und körperlicher Arbeit wird nicht als Entfremdung erfahren, sondern zur natürlichen Tatsache hypostasiert. Andererseits kann sich die wissenschaftliche Intelligenz auch nicht mehr im bildungsbürgerlichen Sinn - was ebenso für die unproduktiven Wissenschaften gilt, die auch vom Technologisierungsprozeß erfaßt werden - als gleichsam intelligible Besitzer der Kultur, als Produzenten höheren, nämlich metaphysischen Ranges begreifen. Aus diesem Sachverhalt mehr als aus traditionellen Theorien kleinbürgerlicher Intelligenz sind kleinbürgerliche Verhaltensweisen, mit denen das spezifische antiautoritäre Emanzipationsbewußtsein ab ovo ausgestattet war, zu erklären. Die trauernde Erinnerung an die emanzipativen Gehalte des revolutionären Bürgertums und gerechten Tauschverkehrs, ein zentrales Bildungsmoment der studentischen Protestbewegung, hat gerade unter den geisteswissenschaftlichen Intellektuellen regressive Angst vor der technologischen Enteignung vom intelligiblen Besitz an der bürgerlichen Kultur hervorgebracht. Die technische Intelligenz wird mit Bewußtseinsformen völliger Geschichtslosigkeit ausgestattet, die kulturwissenschaftliche Intelligenz trauert um den Verlust ihres fiktiven Eigentums an bürgerlicher Kultur, um deren unwiderruflichen Zerfall sie weiß und den sie doch insgeheim nicht wahrhaben will. Enteignungsangst und Geschichtslosigkeit sind Kennzeichen des kleinbürgerlichen Bewußtseins. Nur dass das klassische Kleinbürgertum mehr als seine Ketten, nämlich realen wenn auch, nicht akkumulationsfähigen Warenbesitz, zu verlieren hatte, während heute selbst die unproduktivste Intelligenz immer mehr den Herrschaftsbedingungen ausbeutender Lohnarbeit unterworfen wird. Doch im Gewande dieses Kulturbewußtseins konnten sich die historisch neuen Prinzipien der Befreiung entfalten. Sowohl das Ausmaß an Bedürfnisfortschritt, der die Not der Produktion überschreiten könnte, als auch die kulturindustrielle Regression von Kultur auf den Umkreis der unmittelbaren Arbeit sowie die Sabotage emanzipativer Bedürfnisse konnten sich in diesem Rahmen begreifen. Adornos und Horkheimers nicht parteilicher Versuch einer kulturkritischen Konstruktion der Geschichte als Dialektik der Aufklärung, der von Mythos und Tausch, konnte den Zusammenhang von Monopolkapital, diesem subsumierter Technologie und Faschismus darstellen. In der Theorienbildung der Neuen Linken muß die Erfahrung des Faschismus als eines organisierten Naturzustandes eingehen, der zwar insgesamt mit den Kategorien der Kritik der politischen Ökonomie, dem Akkumulationsprozeß und Krisenzusammenhang des Kapital, erklärbar ist, dessen Terror im einzelnen aber sich gegen solche begriffliche Subsumtion sträubt. Auschwitz ist kontingent auch noch in den überlieferten Kategorien einer Kritik der politischen Ökonomie gegenüber.

Auf dem Hintergrund dieser skizzierten Bewusstseinsverfassung stellen sich die revolutionstheoretisch entscheidenden Probleme der historischen Genesis des Klassenbewusstseins, und zwar

  1. Als Problem einer Rekonstruktion revolutionärer Theorie als einer Lehre, deren Aussagen die Gesellschaft unter dem Aspekt radikaler Veränderbarkeit begreifen. 
  2. Die Wiedergewinnung einer Dimension materialistischer Empirie von Bedürfnisbefriedigung und Interessenerzeugung.
  3. Das Problem der Umsetzung der Theorie ins Bewußtsein des Proletariats.

Ad 1.: Erkenntniskritische Selbstreflexion der Einzelwissenschaften ist ein konstitutives Moment des Klassenbewußtseins wissenschaftlicher Intelligenz. Die Ausschließlichkeit analytischer Verfahrensweisen schneidet methodologisch die Reflexion auf die gegenstandskonstitutive Rolle gesellschaftlicher Praxis ab, also die an Arbeit gebundene Wahrnehmungsmateriatur und den an Arbeitsteilung gebundenen kategorialen Rahmen der Apperzeption. Ohne Arbeitsteilung erkenntniskritisch als Organisationsform der Erfahrung zu durchschauen, kann sich der wissenschaftliche Produzent nicht als Produzent begreifen. Nötig ist also eine immanente Kritik am analytischen Selbstverständnis der Einzelwissenschaften, zumal die sozialtechnisch verkürzten modernen Wirtschaftstheorien nicht mehr den einzigen Bezugspunkt für eine Kritik der politischen Ökonomie liefern, da ihre analytische Methodologie die kapitalistische Gesellschaft nicht mehr als eine kategoriale Realität begreift. Die positivistische Zerfaserung der Wissenschaften hat die Begriffe innergeschichtlicher Transzendenz zerstört. Während Marx den wissenschaftlichen Sozialismus in Opposition zum utopischen Denken entwickelte und innergeschichtliche Realisierungsbedingungen einer revolutionären Befreiung aufzuzeigen gezwungen war, hat sich heute das Verhältnis nahezu verkehrt. Es gilt in Opposition zum bestehenden Wissenschaftsbetrieb die Begriffe konkreter Utopie allererst zu rekonstruieren.

Ad 2: Der Zugang zur Bedürfnisstruktur der Massen ist nicht aus innertheoretischen Ableitungen zu leisten, sondern basiert auf der praktischen Erfahrung des politischen Kampfes. Diese Erfahrung unterdrückt die Dimension emanzipativer Bedürfnisse und parteilicher Interessen, wenn sie in die formale Sprache positivistischer und empiristischer Theorien umgesetzt wird. Auch im SDS ist der Erfahrung des praktischen Kampfes in der Regel ein formalisierender Reflektionsprozeß widerfahren, der die reflektierte Artikulation von Spontaneität mehr und mehr negierte. Die Reflexion dieser Erfahrung muß mit der Kritik an den analytischen Theorien - ein Zusammenhang von Bedürfnisartikulation und Positivismuskritik, wie ihn Herbert Marcuse allerdings klassenunspezifisch herzustellen versucht hat - eine Verwissenschaftlichung auch der praktischen Erfahrung leisten, wenn die Theorie ins Bewußtsein der Massen umsetzbar sein soll.

Ad 3.: Ungelöst ist das Problem des Verhältnisses der Theoretiker zum Proletariat. Lukacs ebenso wie Merleau-Ponty haben den historischen Konstitutionsprozeß des Klassenbewußtseins, die Einheit von Theoretiker und Proletarier, in einer stets existierenden Partei verankert und damit vorausgesetzt, was es allererst zu bilden gilt, nämlich Klassenbewußtsein und Organisation. Merleau-Ponty spricht von der Pädagogik der geschichtlichen Ereignisse selber, die eine Spontaneität der Massen produzieren können, aber er unterschlägt ebenso wie Lukacs, dem die Organisation zur transzendentalen Form der Vermittlung von Theorie und Praxis wird, die ihrerseits wieder organisationsbildende Funktion von Reflexion und Aktion. Die Aktionen des SDS seit den Antinotstandsaktionen 1968 sind nicht mehr bezogen auf die Bedürfnisse der Massen. Sie folgen der Logik des provokativen Protests (und seiner Reflexionsformen), wie er den antiautoritären Beginn der Bewegung kennzeichnet. Eine neue organisatorische Qualität kann erreicht werden, wenn sich die Bewegung massenhaft kollektiv auf eine neue Reflexionsstufe hebt und Agitation und Propaganda inhaltlich verändert im Hinblick auf eine Theorienbildung, die abstrakte Totalitätskategorien immanent mit Begriffen der Bedürfnisbefriedigung verbindet. Die Bewegung wissenschaftlicher Intelligenz muß zum kollektiven Theoretiker des Proletariats werden - das ist der Sinn der Praxis.
 

Anmerkungen

1) Kapital III S.452, - Den Zusammenhang von aktiengesellschaftlicher Unternehmensform Monopol und Staatsintervention weist Marx an anderer Stelle auf: "Es ist dies die Aufhebung der kapitalistischen Produktionsweise innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise selbst und daher ein sich selbst aufhebender Widerspruch. der prima facie als bloßer Übergangspunkt einer neuen Produktionsform sich darstellt. Als solcher Widerspruch stellt er sich dann auch in der Erscheinung dar. Er stellt in gewissen Sphären das Monopol her und fordert daher die Staatseinmischung heraus.Er reproduziert eine neue Finanzaristokratie eine neue Sorte Parasiten in in Gestalt von Projektemachern, Gründern und bloß nominellen Direktoren; ein ganzes System von Schwindels und Betrugs mit bezug auf Gründungen, Aktienausgaben und Aktienhandel. Es ist Privarprodukfion ohne die Konlrolle des Privateigentums" (Kapilal III. S. 454). Zum Zusammenhang von Monopolkapital und autoritärem Staat Vgl. M.Horkheimer, Autoritärer Staat und Engels: Die Entwicklung desSozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, MEW Bd. 19, S.222 (Den Zusammenhang von aktiengesellschaflicher Unternehmungsform, Monopol und Staatsintervention, weist Marx an anderer Stelle auf: vergl. MEW 19, S. 322). 

2) Marx zufolge ist das „Wachsen der scientific power ... das Maß, worin sie schon als capital fixe gesetzt ist, der Umfang, die Breite, worin sie realisiert ist und sich der Totalität der Produktion bemächtigt hat", eines jener exklusiven Widerspruchsmomente am naturgeschichtlichen Ende der gewaltsamen Krisengeschichte des Kapitals, „worin im advice gegeben wird, to be gone and to give room to a higher state of social production" (Rohentwurf, S.636)

„Sozialistische Korrespondenz-Info", Nr.25 Frankfurt 1969