I.
Marcuse interpretiert die Emanzipationsprinzipien möglicher
sozialrevolutionärer Prozesse in den spätkapitalistischen
Industriemetropolen in dem Sinne, dass die empirische Basis der
Selbstentfremdung nicht mehr die mittelbare Erfahrung unmittelbaren
Elends, sondern die bewusst zu erfahrende soziale
Widersprüchlichkeit, Apathie und Integration ist. Im Zentrum der
Marcuseschen Revolutionstheorie steht die Frage: wie kann unter den
Bedingungen einer repressiven Befriedigung der materiell elementaren
Bedürfnisse das Bedürfnis nach Emanzipation entfaltet werden? Wie
können die Bedürfnisse nach einem Reich der Freiheit, des Friedens
und des Glücks ins Bewusstsein der Massen und zur politischen
Erscheinung drängen, wenn sie nicht mehr in den materiell vitalen
Bedürfnissen nach der Beseitigung von Hunger, materieller Not und
physischem Elend verankert sind?
II.
Die Tatsache der Arbeit an sich selber ist die Erscheinungsform der
Ausbeutung in der spätkapitalistischen Gesellschaftsformation.
Marcuse zufolge stellt sich nicht mehr die Frage nach überflüssiger
und notwendiger Arbeit und damit nach überflüssiger und notwendiger
Unterdrückung, vielmehr eröffnet der Fortschritt in der Automation
des Maschinenwesens die realutopische Perspektive nach der
Abschaffung von Arbeit überhaupt.
III.
Wenn die Emanzipation vom Zwang der Arbeit derart mit dem
technischen Fortschritt gekoppelt ist, sind die kapitalistischen
Machthaber gezwungen, die reibungslos funktionalisierte Demokratie
in den Dienst der Eliminierung jeglicher emanzipativer Regungen zu
stellen. Die Liquidation des wie immer auch ideologisch entstellten
Emanzipationsbedürfnisses, die den Übergang des Konkurrenz- in den
Monopolkapitalismus kommentiert, fordert Marcuse zufolge eine
Eindimensionalisierung der Ideologien in der spätkapitalistischen
Epoche.
IV.
Die Antwort darauf ist die Negation des Systems durch die
privilegiert sensiblen oder die unterprivilegiert gequälten
Randgruppen - notwendig abstrakte Negation einem hermetisch
geschlossenen System gegenüber in der Gestalt ohnmächtiger Vernunft,
des empörten Protests der grossen Verweigerung.
V.
Die spätkapitalistische Gesellschaftsformation schlägt alle
institutionalisierten Organisationsformen der Opposition, des
Widerstandes und der Revolution mit dem Signum der Integration. Der
anschauliche Beweis dafür ist das massenorganisatorisch deformierte
Schicksal der Leninschen Kaderpartei in der Naturgeschichte der
westeuropäischen Arbeiterbewegung; als deren abstrakte Negation
lehrt Marcuse die emanzipatorische Renitenz des sich
triebstrukturell umwälzenden Individuums und des seine bedürftige
Vitalität revolutionierenden Einzelsubjekts.
ad I.-IV.
Mit diesen Theoremen formulierte Marcuse das reine Vernunftprinzip
des Befreiungskampfes in der spätkapitalistischen Zivilisation: eine
Idee der Machtergreifung im politischen Zentrum, die, über die
blosse Sozialisierung der Produktionsmittel - geschweige denn ihre
blosse Verstaatlichung - hinausgehend, eine konkrete Utopie des
Kommunismus, also des herrschaftsfreien Verkehrs solidarischer und
von den Naturschranken urwüchsig überlieferter Arbeitsteilung
entbundenen Individuen. Marcuse ist der kritische Theoretiker der
Emanzipation. Emanzipation ist die bestimmte Negation des
sowjetmarxistisch entstellten Begriffs vom Sozialismus, der diesen
an das Bild technologisch reibungslos funktionierender und staatlich
kontrollbefugt geplanter sowie bürokratisch rationalisierter
Produktion festmachte. Dagegen opponierte der kritische Marxismus
des Westens im revolutionstheoretischen Rückgriff auf den wie immer
auch von den Ideologen der herrschenden Klasse anthropologisch und
theologisch deformierten jungen Marx der Pariser Manuskripte und der
Deutschen Ideologie. Über das Konzept eines technologisch verengten
Produktionsbegriffs hinaus wird der Kampf um die Macht im Staate und
die Enteignung der Inhaber an den Produktionsmitteln nicht als
Endziel, sondern als Bedingung der Möglichkeit eines Vereins freier
Menschen behandelt; das heisst, Kommunismus behandelt die
Vergesellschaftung der Produktionsmittel als Bedingung zur
Organisation eines solidarischen Verkehrs freier Individuen. Der
Emanzipationsbegriff, den Marcuse in der Tradition des westlichen
Marxismus von Lukács über Horkheimer bis Merleau-Ponty entfaltet,
hebt ins Bewusstsein, was die Strategien des sozialdemokratischen
Reformismus und der sowjetmarxistischen Orthodoxie verdrängt haben,
die Reduktion des emanzipativen auf den technischen Fortschritt, der
sozialen auf die industrielle Revolution. Auf dem Erfahrungsgrund
der sozialrevolutionären Befreiungshewegungen der Dritten Welt
eröffnet sich sowohl wieder eine Perspektive kompromissloser Politik
und Gewalt als auch eine Vorstellung von Befreiung, die über die
industrielle Intensivierung von Fünfjahresplänen hinausgeht. Marcuse
als Philosophiekritiker der Emanzipation entfaltet einen Begriff der
Befreiung, der die Menschen nicht wiederum den objektiven
Bedingungen der totgeschlagenen Materie, also den
Produktionsmitteln, unterwerfen will, sondern die Funktion der
Produktionsmittel in der Revolution wieder geschichtsphilosophisch
zurechtrückt: die vereinigte Arbeiterklasse in den
hochindustrialisierten Kapitalmetropolen kämpft nicht um die
Verfügungsgewalt über das Maschinenwesen als solches, sondern um den
kollektiven Besitz an den Produktionsmitteln als Bedingung von
herrschaftsfreien Beziehungen der Menschen untereinander. Marcuse
hat den Emanzipationsbegriff aus seiner naturgeschichtlichen
Verblendung, die er im Schicksal der Arbeiterbewegungen erfahren
hat, befreit; Emanzipation meint mehr als eine Veränderung der
Eigentumsverhältnisse, die den technisch industrialisierten
Stoffwechsel zwischen Menschen und der Natur regeln, Emanzipation
meint eine Veränderung der Eigentumsverhältnisse, der
Verfügungsgewalt von Menschen über Dinge, um die Verhältnisse der
Menschen untereinander zu befreien. Philosophisch ausgedrückt:
Sozialdemokratie und Sowjetmarxismus haben den Entwurf einer
sozialistischen Verkehrsform auf eine Veränderung des industriellen
Eigentumsverhältnisses zwischen den Menschen und der Natur verkürzt.
Die Geschichte hat auf die Tagesordnung gesetzt, was Marcuse ebenso
philosophisch wie naiv formulierte: die Verkürzung des
revolutionären Befreiungsprozesses auf industrielle Revolution
schleppt das Elend der Verdinglichung mit sich fort und unterwirft
die Individuen der unpersönlichen Knechtschaft der materiellen
Produktionsmittel. Emanzipation hingegen will, dass die Individuen
die industriellen Produktionsmittel organisieren um miteinander
glücklich verkehren zu können. Der verkürzte Emanzipationsbegriff
zielt nur auf ein verändertes Eigentumsverhältnis der Menschen zu
den dinglichen Produktionsmitteln, nicht aber auf ein verändertes
Verkehrsverhältnis der geschichtlichen Individuen untereinander.
Emanzipation ist nicht primär eine veränderte Eigentumsorganisation
der Industrie, sondern eine veränderte Verkehrsorganisation der
Gesellschaft. Dieser revolutionär selbstverständliche Sachverhalt
ist vom sozialdemokratischen Reformismus staatlich verraten, vom
antiimperialistischen Machtkampf der Sowjetunion naturwüchsig
verdrängt und vom antifaschistischen Abwehrkampf der kommunistischen
Parteien bündnispolitisch und parlamentsbeflissen verdrängt worden.
Für einen Revolutionsbegriff in den Metropolen war es notwendig,
dass Marcuse wieder aussprach: Emanzipation ist nicht die Befreiung
der technischen, Maschinen, sondern die Befreiung der
gesellschaftlichen Menschen. Allein auf dem Hintergrund dieses
evidenten Vernunftprinzips kann das unerträgliche Moment an
Unterdrückung in den scheinsozialen Sicherheitsgarantien des
autoritären Staates und den keynesianistisch auf Rezessionen
verkürzten Krisen der monopolen Wirtschaftsweise den lohnabhängigen
Massen einsichtig werden.
Marcuse fordert ein
anschaulicheres Bild der objektiven Möglichkeiten einer künftigen
Gesellschaft: wenn Arbeit durch Automation in dem Maße abschaffbar
und Unterdrückung in dem Maße überflüssig geworden ist, wie dies
Industrie und Demokratie des Spätkapitalismus anzeigen so muss die
bestimmte Negation des reibungslos funktionierenden ausbeuterischen
Systems an Bestimmtheit gewinnen: wenn die Menschen nicht
unmittelbar hungern, müssen sie wissen können, warum sie in der
Revolution ihr Leben aufs Spiel setzen sollen und mehr zu verlieren
haben als ihre Ketten. Doch Marcuses Theorie selber kommt diesem
Erfordernis bestimmter Negation nicht nach, seine Aufforderung zur
grossen Weigerung bleibt abstrakt, ausserstande, ein politisches
Realitätsprinzip taktischer Regeln, strategischer Maximen und
organisatorischer Imperative zu entfalten. Gleichwohl ist die grosse
Weigerung mehr als die romantisch beseelte Parole der ersten Stunde;
sie ist die notwendige Konsequenz aus einem Emanzipationsbegriff,
der in allen Spuren des objektiven Geistes der Verwaltungen und
Institutionen, der Bürokratien und Meinungsmedien, der betrieblichen
Mitbestimmungskonzepte und autoritären Hochschulreformen die
unwiderstehliche Gewalt technokratischer Verblendungen entdeckt.
Andererseits teilt Marcuse das
Elend der kritischen Theorie und das ungeschichtliche
Selbstbewusstsein entstehender revolutionärer Bewegungen; er ist
unfähig, die Kriterien einer revolutionären Realpolitik,
bündnispolitischer Kompromisse, organisationspraktischer
Stabilisierungen studentischer Protestbewegungen und
klassentheoretischer Analysen zu formulieren. Zu
linksradikalistischen Kinderkrankheiten entstehender revolutionärer
Bewegungen zählt die im Anfang gleichwohl notwendige Verwechslung
der abstrakten Demonstration des reinen Emanzipationsprinzips mit
dessen konkreter Entfaltung. Marcuse teilt als Theoretiker der
ersten Erscheinung dieses revolutionären Vernunftprinzips mit den
freiheitsbewussten Studentenbewegungen der Metropolen deren
Kinderkrankheiten in allen Formulierungsstadien seiner Theorie.
Seine Ideologiekritik der Eindimensionalität liess die empörten
Intellektuellen in Ungewissheit darüber, ob die Integration der
Arbeiterklasse unwiderrufliches Schicksal oder aufhebbarer Schein
sei. Doch als der deutsche SDS die Isolierung politischer
Intellektuellenbewegungen an sich selber erfahren hatte und die
Prinzipien 1es proletarischen Klassenkampfs praktisch zu erneuern
suchte, beriet er in einen Widerspruch, der bis heute unaufgelöst
ist und über seine revolutionäre Entwicklung entscheiden wird: mit
der Kritik an den emanzipationsrigiden und randgruppengebundenen
Prinzipien der grossen Verweigerung, d.h. mit dem Versuch, ein
politisches Realitätsprinzip in die emanzipative Systemnegation
einzuführen und dem nach wie vor bestehenden, wie immer auch
wesentlich veränderten Klassenantagonismus in den Metropolen
Rechnung zu tragen, geriet der SDS in Gefahr, sich blindlings in
einer verschwiegenen Orthodoxie zu verstricken und in eine
undurchschaute Tradition des verzerrten Klassenkampfs zurück zu
allen. Die notwendige Hinwendung der Studentenbewegung zum
Proletariat drohte mit dem Versuch, die Revolution mit den
überlieferten Kategorien des Klassenkampfes zu artikulieren,
zugleich die Prinzipien der revolutionären Emanzipation zu
ersticken. Anders gesagt, die Studentenbewegung steht vor dem
objektiven Dilemma, dass ihr historisch neues Vernunftprinzip der
Emanzipation sich realpolitischen und klassenspezifischen Kriterien
versagt und dass andererseits die traditionelle Substanz des
proletarischen Klassenkampfes blind ist gegen die neuen Prinzipien
kompromissloser Befreiung. Das entscheidende Schicksal, das der
revolutionäre Protest in den Metropolen bewusst zu vermeiden hat,
ist, dass er mit der Einführung tradierter Klassenkampfkategorien
und taktischer Realitätsprinzipien den kompromisslosen Impetus
revolutionärer Negation erstickt, dass er über der klassenbewussten
Realpolitik die Revolution vergisst. Das notwendig anachronistische
Bewusstsein der westdeutschen Protestbewegung im gegenwärtigen
Stadium ist die Verkleidung des neuen emanzipatorischen
Vernunftprinzips ins alte Gewand traditionalistischer
Klassenkampfkategorien, der Begriff des Klassenkampfs, mit dem die
Bewegung ebenso pragmatisch wie dogmatisch hantiert, entspricht
weder der Klassenrealität noch der Emanzipationsnotwendigkeit der
hochindustrialisierten Kapitalmetropolen.
Diese Thesen entstanden im Zusammenhang mit Vorarbeiten zu einem
Artikel über Marcuse für die Zeitschrift "konkret" im Sommer 1969
als Antwort auf einen unqualifizierten Angriff von R. Hochhuth gegen
Marcuse in derselben Zeitschrift. (Anm. d. Hg.)
Quelle:
Konstitution und Klassenkampf, Verlag Neue Kritik, S. 298 ff
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